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Offener Brief zum geplanten Verteilzentrum von Amazon

27. September 2021

Sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderates Memmingerberg,

anlässlich des Verfahrens zur bauordnungsrechtlichen Genehmigung für das vom Allgäu Airport geplante Verteilzentrum des Logistikkonzerns Amazon sind Sie als von den Bürgerinnen und Bürgern gewähltes Mitglied nun in der Pflicht Stellung zu nehmen. Aus diesem Grund schreibe ich Ihnen heute als Vertreterin eines vor einiger Zeit gegründeten Bündnisses, das sich zu den Ansiedlungsplänen des US-Konzerns Amazon zusammengeschlossen hat, um Ihnen Gründe zu nennen, die gegen eine Zustimmung zum Bauvorhaben am Flughafen Memmingen sprechen.

Die Berichterstattung über das geplante Verteilzentrum des US-Konzerns Amazon in Memmingerberg, sowie die damit einhergehenden Bauvorhaben, mögen für Außenstehende fast wie ein wirtschaftliches Wunder klingen: Neue Arbeitsplätze, mehr Raum für Parken, ein Verteilzentrum, das unsere bestellten Waren bald noch schneller vor die Haustüre liefert. Denkt man das Projekt nun aber bis zum Ende, hat man schnell keinen Grund mehr zum Jubeln …

Der US-Konzern mischt in vielen Bereichen mit und geht dabei in den seltensten Fällen mit gutem Beispiel voran. Strategisches Lohndumping, konsequente Mitarbeiter-Überwachung, Steuertricksereien und das Streben nach dem eigenen Markt-Monopol sind nur einige Vorgehensweisen, die das Unternehmen Amazon charakterisieren.

Ausgehend von der vor einigen Monaten öffentlichen Diskussion zur Ansiedlung des Unternehmens haben sich daher Organisationen aus unterschiedlichen, gesellschaftlichen Bereichen zusammen geschlossen, um Sie gemeinsam auf die Konsequenzen hinzuweisen, die die Ansiedelung eines Unternehmens wie Amazon bringen wird.

Beim Bau eines Verteilzentrums spielt für Amazon die direkte Anbindung an die A96 und die A7 bei Memmingen eine große Rolle. Laut Amazon sind normalen Betrieb am Tag mehrere hundert Touren geplant. Die Lieferfahrzeuge sollen in kleinen Wellen eintreffen, in Gruppen abgefertigt und auf die Straßen geschickt werden. Zu beachten ist hierbei auch, dass Amazon in der Regel nicht nur mit seinen eigenen Fahrzeugen unterwegs ist. Durch das Heranziehen mehrerer Subunternehmen und privater Fahrer*innen durch „Amazon Flex“ wird ein Vielfaches der Fahrzeugmenge auf den Straßen unterwegs sein. Bei diesem Vorhaben ist mit einer massiven Erhöhung des Verkehrsaufkommens zu rechnen – zu Lasten der Bewohner*innen und der Natur. Dabei werden nicht nur die Autobahnen von den LKW und PKW stärker frequentiert, sondern auch die Zufahrtsstraßen.

Wer die Entwicklungen der Wohnungssituation im Raum Memmingen verfolgt, weiß, dass der Raum Memmingen längst zum Speckgürtel Münchens zählt und die Mieten dahingehend steigen. Ebenso kämpfen Kommunen wie die Ihre bei uns mit akutem Wohnungsmangel. Wie Erfahrungen aus anderen Standorten von Amazon Zentren zeigen, arbeitet das Unternehmen und deren Subunternehmen mit einem geringen Teil ortsansässiger Arbeitnehmer*innen. Der größte Teil der Beschäftigten wird „billig“ aus Nachbarländern wie z.B. Polen, Rumänien oder Litauen rekrutiert. Diese Arbeitskräfte müssen dann auch irgendwo untergebracht werden. In der Folge wird nicht der hiesige Arbeitslosenmarkt entlastet, sondern der lokale Wohnungsmarkt weiter unter Druck gesetzt.

Ebenso sollten Sie einen weiteren Aspekt berücksichtigen: Memmingerberg liegt in der Einflugschneise des Allgäu Airport. Daher möchten wir Sie darauf hinweisen, dass in Zukunft zusätzliche Flugbewegungen durch Frachtflüge für Amazon in den späten Abendstunden nicht ausgeschlossen werden dürfen, auch wenn das Unternehmen das bisher abstreitet. Dies ist damit zu begründen, dass das Amazon Gelände einen direkten Zugang zur Startbahn hat. Zu entnehmen ist das dem Gebäudeverzeichnis aus dem Planfeststellungsbescheid.

Unser Bündnis gegen das System Amazon besteht aus der Gewerkschaft Ver.di, der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung, dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, der Betriebsseelsorge in der Diözese Augsburg, dem Bund Naturschutz in Bayern, der Partei Bündnis90/Die Grünen in Memmingen, sowie der Bürgerinitiative Bürger gegen Fluglärm inkl. alle ihren im Großraum Memmingen ansässigen Mitgliedern und Unterstützer*innen.

Uns ist es wichtig zu zeigen, dass Konzerne wie Amazon wesentliche Teile unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft und unserer Natur zerstören könnten, sollte ihnen kein konsequenter Rahmen gegeben werden. Um diesen zu erreichen ist das Handeln der einheimischen Unternehmen, das der Konsument*innen selbst, aber auch das Handeln der Politik – also Ihr Handeln – nötig.

In Ihrer Funktion als Sprachrohr der Gemeinde Memmingerberg und Vertretung der Bürger*inneninteressen ist es uns daher wichtig, dass Sie nicht nur über die wirtschaftlichen Gründe einer solchen Ansiedelung im Bilde sind, sondern auch die langfristigen Konsequenzen für Mensch und Natur im Blick haben.

Gerne steht Ihnen Myriam Gammer von der KAB sowie die Kolleg*innen der Bündnispartner*innen bei Fragen und für weitere Gespräche zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Tina Melder