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Berichte vergangener Veranstaltungen

Von Goldrenetten und Renecloden, Rehverbiss und Oeschberg-Schnitt

16. September 2021

Das BN-Projekt vielfaltobst lud ein zur pomologischen Obstbaumberatung mit Wolfgang Wirth

Das Gewitter an jenem Montag abend war gerade vorbeigezogen als es 19 Uhr schlug. Vor dem Haus der Familie Putz im Oberen Mayenbadweg hatte sich schon eine Gruppe interessierter Mindelheimer:innen zusammengefunden, als Wolfgang Wirth dazustieß. Der Pomologe aus Ottobeuren trug ein kleines Körbchen unter dem Arm, darin Schneidebretter, Messer, saftige Äpfel und viele weitere Leckereien aus seinem Obstgarten. Bevor es aber zu deren Verköstigung kommen sollte, ließen seine Worte der Gruppe, die über das Bund Naturschutz Projekt vielfaltobst eingeladen waren, das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Da war die Rede vom Tien Shan Gebirge, von Apfelbaumwäldern, so weit das Auge reicht, von Bären die über Jahrtausende die besten Sorten selektiert haben, von Goldrenetten, fürstlichen Gärten mit hunderten von Sorten und von Äpfeln, die zu Zeiten der Renaissance in Gold aufgewogenen wurden; zumindest sprichwörtlich. Denn der Weiße Winter-Calville ist im wahrsten Sinne des Wortes so kostbar, dass die ersten beiden Güteklassen nur dem Adel vorbehalten waren, während ein einzelner Apfel der dritten Güteklasse soviel kostete, wie ein ganzes Abendessen. Desweiteren berichtete Wirth von Kornelkirschen, die in Georgien plastikverpackt als Delikatesse vermarktet werden, aber auch von ungenießbaren äthiopischen Fladen, die ihm mehrfach den Magen verdreht haben.

Wolfgang Wirth, ehemaliger Ökolandwirt, ist über seine Geschmacksknospen von den Äpfeln verführt worden. Sein kulinarisches Interesse für Obst ist so groß, dass er mittlerweile 301 Apfelsorten, 60 Birnensorten, 20 Pflaumensorten und viele weitere Kornellkirschen und Maulbeerbäume sein eigen nennt. Neben dem Verzehr ist der eigene Anbau auch deshalb so wichtig, weil er Vergleichsäpfel braucht. Denn ihn suchen immer wieder Menschen auf, mit 5 Äpfel eines Baumes im Gepäck, die dann die große Frage stellen: Welche Sorte ist das, die wir da eigentlich im Garten stehen haben? Denn häufig ist es so, dass die Bäume das Wissen längst überdauert haben und nun als anonyme Relikte Rätsel aufgeben. Die Varianz einer Sorte, abhängig vom Jahr, der Witterung, der Unterlage uvm. ist so groß, dass nur mit jahrelanger Erfahrung ein sicheres Urteil möglich bleibt.

Zwischen Borowinka, Stark‘s Earliest, dem roten Astrachan und der Biesterfelder Renette, allesamt Frühsorten, die Wirth zum Probieren dabei hat, referiert er frei über die Damason Renette, den Gravensteiner und den weißen Winterkalvill. Sorten für deren Namen allein es sich schon lohnen würde, einen Baum zu pflanzen.

Oder wie der Pomologe vorschlägt: „Lernen Sie das Veredeln!“ Denn so kann ein einzelner Baum auf verschiedenen Ästen verschiedene Sorten tragen. Ein Baum mit 50 Sorten? Das ist theoretisch möglich und würde auf kleinstem Raum die Möglichkeit bieten, rund ums Jahr Äpfel genießen zu können. Ziel von Wirth ist es, dass diese „Apfeluhr“ über das Jahr nie stehen bleibt. Die letzten Lageräpfel sind noch nicht ganz aus, da hängen schon wieder die ersten Frühäpfel am Baum.

Einfacher ist das in einer Erzeugergemeinschaft, wie er für die Bergwaldgärten vorschlägt. Hier wird Ernte und Arbeit geteilt und durch unterschiedliche Bäume in unterschiedlichen Gärten ein dauerhafter Ertrag garantiert. Doch bis dahin ist der Weg weit und so sein Vorschlag für die Pflanzung eines einzelnen Baumes: „Wählen Sie eine Sorte, die Anfang Oktober ausreift. So können Sie sie gleich vom Baum weg genießen. Und dann, … lernen Sie das Veredeln!“

Doch seine Welt dreht sich nicht allein um Äpfel. Das beweisen kleine Exkurse, beispielsweise über den Lebenszyklus der Hummel, eine unserer verlässlichsten Bestäuberinnen, vor allem in Zeiten unbeständiger Wetterlagen. Ihr Volk steht mitten im August, wenn es seinen produktiven Höchststand erreicht hat und neue Hummelköniginnen für das nächste Jahr ausbrüten möchte, einem plötzlichen Nahrungsmitteleinbruch gegenüber, weil in der Landwirtschaft fast gleichzeitig alle blühenden Wiesen  abgemäht werden und Kleewiesen die früher als Pferdefutter wichtig waren, kaum noch exisiteren. Es wird schnell klar, auch wenn er über Meisen, Wespen und Hornissen spricht, von der jede einzelne täglich bis zu 500g Schädlinge vertilgen kann, dass Pomologe sein, vielmehr bedeutet, als bloß gerne Äpfel zu essen.

So schlägt er vor, auf einer Streuobstwiese die Artenvielfalt zu erhöhen, indem Steinhügel aufgehäuft werden. Hier fühlen sich Wiesel wohl, die auf Jagd nach Wühlmäusen gehen, gleichzeitig aber von Eulen bejagt werden. Auch kleinere Wasserflächen oder Feuchtstellen können gegen Wühlmäuse helfen, denn hier brüten Ringelnattern. Ein beeindruckendes Exemplar von mindestens 1,80m Länge wurde in den Bergwaldgärten bereits gesichtet und fotografiert!

Die Zeit verflog und es wurde schon langsam dunkel, als wir uns dann tatsächlich vom Weg vor dem Garten, hinein in den Garten der Familie Putz bewegten. Vor fünf Jahren hier eingezogen, hatten sie das Glück Obstbäume auf dem Grundstück übernehmen zu können. „Vielleicht in den 80er Jahren gepflanzt.“, so schätzt Wirth, „Ein Schnitt täte ihnen gut, alles was nach innen wächst, kann raus.“ Er hebt schon begeistert die Hände und erklärt den Öschberg-Schnitt, kam dann aber schnell zu dem Schluss, dass wir hierfür noch einmal einen eigenen Termin ausmachen sollten, um Pflanz-, Pflege- und Verjüngungsschnitt ausgiebig zu erklären (vrstl. 25.2.22 mit Marcus Orf).

So wurde noch kurz über Rehverbiss, Brandbakterien und Wühlmäuse gesprochen, bevor es zur Frage des Abends kam: Welche Bäume, wohin? Vom Stamm weg, maß er 12 lange Schritte und blieb stehen: „Hier wäre noch Platz für einen Hochstamm!“ Doch der braucht 10 – 15 Jahre bis er trägt, so wäre es auch denkbar, dazwischen einen Mittelstamm zu setzen, den man nach 15 Jahren, schweren Herzens, wieder entnimmt. „Bloß nicht zu eng pflanzen, Hochstämme brauchen Licht und den Wiesen darunter, tut es auch gut.“

Entlang des Zaunes schlägt er Himbeeren vor, entlang des Waldrandes gedeihen die Maulbeerbäume gut. Auch eine robuste Mostbirne wäre denkbar, bspw. die Palmischbirne  auf die dann weitere Sorten aufveredelt werden können. Den Standort beschreibt er von den Bodenverhältnissen her als beinahe ideal. Das Klima ist zwar etwas rauher, die Pflanzen wachsen etwas langsamer, leben dafür aber länger. Das ist übrigens auch der Grund, warum beispielsweise Kirschen auf der Nordseite häufig besser gedeihen: Dort kommt der Frühling zwar etwas später an, aber dafür wird die empfindliche Blüte auch nicht von Frosteinbrüchen überrascht.

Wir können davon ausgehen, dass der Klimawandel in wenigen Jahrzehnten Anbaubedingungen bescheren wird, wie wir sie heute vom Bodensee kennen. Darauf einstellen sollten wir uns schon jetzt. Die lehmigen Böden des Bergwaldes oberhalb und die jüngeren, fruchtbaren Böden unterhalb der Quellaustritte garantieren zum Glück eine reichliche Wasserversorgung; rund 300 Liter verdunstet ein ausgewachsener Obstbaum an einem Sonnentag. Sollte durch häufiger auftretende Starkregenereignisse zu viel Wasser auf einmal abregnen, bietet die Streuobstwiese gegenüber dem englischen Rasen einen verstärkten Schutz vor Erosion. Es scheint also mehr als vernünftig, sich noch über die Sammelbestellung des Bund Naturschutz Projektes vielfaltobst im September zu informieren!

Auch wenn wir uns nicht alles merken konnten, was heute auf dem Programm stand, so wurde uns doch eines klar: Allein die Begeisterung für die kulinarischen Genüsse der Natur können Außerordentliches bewirken. Und mit jedem Baum, den wir pflanzen, jeden Ast, den wir veredeln, mit jeder Obstart, die wir schützen, können wir uns selbst ein Stück dieses Genusses schenken!

Machen Sie mit und informieren Sie sich über unser Projekt, auf www.vielfaltobst.de.

Kulinarisches Highlight des Abends waren übrigens einstimmig die Reneklode, eine Edel-Pflaume, deren Anbau in unserer Region sehr lohnenswert ist. Allein beim Aufschreiben des Namens läuft mir schon wieder das Wasser im Munde zusammen.

PS: Sollten Sie allergisch auf gekaufte Äpfel reagieren, probieren Sie einmal die alten Sorten. Denn diese beinhalten häufig noch die Polyphenole, die das Allergieenzym ausschalten. In den Supermarktsorten wurden diese Bitterstoffe weggezüchtet, auch weil sie die Äpfel nach Anschnitt schneller braun werden lassen.


Obstbaumführung mit Stadtgärtner Martin Honner auf den stadtnahen Flächen der Projektpartnerstadt Mindelheim

31. Juli 2021

Auf der Führung durch den Schwesterngarten bis zur Obstwiese mit unserem Stadtgärtner Martin Honner haben wir einige Einblicke in die Eigenschaften verschiedener Obstsorten bekommen und viel über das städtische Pflegekonzept erfahren dürfen. Zu den Eindrücken gehörten der frühe Jakob Fischer und die Quitte, die nie Früchte tragen darf, es gab unbekannte Lederäpfel und Infos zum Baumkataster, vom Thema Artenvielfalt bis zu gärtnerischen Kunstformen war so einiges geboten.

Auch das Thema Verkehrssicherheit wurde ausgiebig behandelt. Den 10 Teilnehmer:innen wurde dabei klar, welchen gravierenden Einfluss es auf das Pflegekonzept der Bäume hat. So wird ein Obstbaum im öffentlichen Raum (anders als auf den Ausgleichsflächen der Stadt) kaum mehr als 30 Jahre alt.

Doch erst die alten Bäume lassen die Artenvielfalt der ökologisch so wertvollen Streuobstwiesen anwachsen.Denn es braucht einen starken Stamm und absterbende Äste, die Platz für Höhlen und viele Totholzarten und weitere Nutznießer bieten.

Dies zeigt uns einmal mehr, dass es für Gemeinden und Kommunen, trotz großer Anstrengungen wesentlich aufwändiger sein kann, Biodiversitätsmaßnahmen umzusetzen, als dies beispielsweise in unseren privaten Gärten der Fall ist. Deswegen freuen wir uns sehr, dass an unserem Projekt mittlerweile 12 Bergwaldgärten teilnehmen. Vielen Dank!