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Ehrung von Prof. Dr. Claudia Kemfert mit dem „Bayerischen Naturschutzpreis 2022"

Der renommierte Preis gilt als höchste Naturschutz-Auszeichnung Bayerns. Hören Sie sich Prof. Kemferts Festansprache bei uns noch einmal an.

19.10.2022

Da unsere Lokalzeitungen nicht darüber berichteten, machen wir Ihnen die Texte - die Festansprache sowie der Laudatio unseres Landesvorsitzenden Richard Mergner - auf diesem Wege zugänglich.

Transkript: Festansprache von Prof. Claudia Kemfert zum Bayerischen Naturschutzpreis 2022

Lieber Richard Mergner, liebe Beate Rutkowski, liebe Doris Tropper, meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrtes Publikum! Es freut mich natürlich, dass ich heute mit dem bedeutendsten Naturschutzpreis in Bayern ausgezeichnet werde.

[Hinweis von Claudia Kemfert auf die lange BN-Tradition „echten Bürgerengagements“; mit weit mehr als 250.000 Mitgliedern – mehr als die CSU. In einem globalen Netzwerk von über zwei Millionen Menschen. Global denken, lokal handeln. Vor Ort „konkretes Handeln ableiten“.]

Die drohende Klimakatastrophe erfordert eine soziale, aber auch eine ökologische – vor allem aber auch – ökonomische Transformation, die genau diesen schier unfassbaren Bogen von der Veränderung des planetaren Klimas bis hin zum kleinen Biotop in Niederbayern in den Blick nehmen muss.

Als ich mich vor drei Jahren – zusammen mit einer Vielzhal von Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen – den „Scientists for future“ angeschlossen habe und aktiv wurde, da ging es genau um diesen geistigen Spagat. Zwischen einerseits der großen gemeinsamen Erkenntnis einer globalen Erderhitzung und unseren bescheidenen individuellen Handlungsmöglichkeiten vor Ort. Inzwischen sind wir über 26.000 Wissenschaftler*innen – alleine in Deutschland, Österreich und der Schweiz –, die sich aufrecht hinstellen und laut und deutlich sagen: „Die Jugend hat recht!“

Nur wenn die Menschheit schnell und entschlossen handelt, können wir die globale Erderwärmung begrenzen, das anhaltende Massensterben von Tier- und Pflanzenarten stoppen und die natürlichen Grundlagen für die Nahrungsversorgung und das Wohlergehen heutiger und zukünftiger Generationen erhalten.

Manche von uns mögen anfangs gedacht haben, es genügt, wenn wir uns als wissenschaftliche Autorität hinstellen, aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm herausgehen und die wachsenden Bedrohungen, die die Wissenschaft seit Jahrzehnten erkennt und immer wieder aufs Neue belegt, nur verständlich erklären. Und manche mögen gedacht haben: Wenn die Menschen uns [Wissenschaftler] nur verstehen, dass sich dann doch alles zum Guten wendet.

Ich dachte das nie. Denn ich habe mich nie im Elfenbeinturm versteckt, ich habe immer versucht, Forschung und Erkenntnisse auch für Laien verständlich zu erklären und ich habe gemerkt: Je besser ich darin wurde, all diese komplexen Themen zu erklären, und je mehr sich die Menschen dafür interessierten und daraus die richtigen Schlüsse zogen, desto aggressiver wurde ich bekämpft.
Eine zeitlang dachte ich, das läge irgendwo vielleicht an mir, wenn meine Veröffentlichungen mit Hass und Beleidigungen überzogen werden, doch mit der Zeit habe ich – nach 15 Jahren Erfahrung – echt begriffen: Das hat alles System. Heute hat sich herumgesprochen, dass es Fakenews gibt, Propaganda und Desinformation auf unterschiedlichste Art: All die hässlichen Bilder, all die irreführenden Zitatschnipsel sollen uns Wissenschaftler*innen diskreditieren, unglaubwürdig und – vor allen Dingen – stumm machen.

Es sind die Lobbyisten der Vergangenheit, die fossilen Imperien, die um ihre Geschäftsmodelle kämpfen und wechselseitig gegeneinander um die globale Marktmacht. Sie führen Kriege um die letzten fossilen Ressourcen, die Gasfelder im Mittel- und Schwarzen Meer, die Ölfelder im Nahen Osten oder im Kern von Südamerika. Sie bedrohen einander mit nuklearen Waffen und der totalen Vernichtung als wären sie selbst unsterblich. Sie interessieren sich nicht für planetare Grenzen, nicht für Klima-, nicht für die Umwelt- und auch nicht für Artenschutz. Und schon gar nicht für Naturschutz. Auch nicht für Demokratie und auch nicht für Menschenrechte – und schon gar nicht für eine Haselmaus in Niederbayern. (…)

Sie [im BUND Naturschutz] sagen eine – für mache verdammt unbequeme – Wahrheit. Und was passiert? Auch Sie werden verunglimpft. Sie geraten in die populistische Maschinerie von Lobbyverbänden. (Zielscheibe der Verunglimpfung am Beispiel der 100.000 Euro teuren „Haselmaus-Brücke“ als „grünem Anstrich für den Straßenbau“; vs. 40 Millionen für die 3,3 km lange Umgehungsstraße von Vilshofen)

Die wahre Verschwendung findet nicht beim Bau von Krötentunneln, Fischtreppen oder Haselmaus-Brücken statt, sondern bei immer neuen Verkehrsbauten, die wir gar nicht brauchen und die enorme Folgekosten nach sich ziehen. [langer Applaus] Der Verkehrssektor braucht etwa 30% der Endenergie in Deutschland, wobei der Straßenverkehr mit über 80% daran den weitaus größten Anteil hat. Im Vergleich zu 1990 müssten die Emissionen im Verkehr bis 2030 um fast die Hälfte sinken, um die Klimaziele zu erreichen. 1990 waren es 164 Millionen Tonnen CO2, 85 Millionen Tonnen sind das Ziel, letztes Jahr [2021] waren wir bei 148 Millionen. Wow! Nach mehr als drei Viertel der Zeit haben wir also noch nicht einmal ein Zehntel geschafft. Bleiben also noch acht Jahre für den Rest. Das letzte, was wir brauchen, sind neue Straßen. [langer Applaus]

Doch für diese Art der Verschwendung interessiert sich weder der Bund der Steuerzahler, noch die anderen Lobbyisten. Genausowenig wie für den Bau-Effekt [?] für die Haselmaus. Der Lobbyverband Bund der Steuerzahler vertritt eben bevorzugt die Interessen der Besservedienenden – Nagetiere gehören nicht dazu.

Deswegen wird im nächsten Schwarzbuch – für 2022 – die mit Abstand krasseste Verschwendung der letzten 20 Jahre ganz sicher auch wieder nicht auftauchen: die verschleppte Energiewende. Den Preis dafür zahlen wir heute.

Vor 16 Jahren habe ich meine erste Pressekonferenz zum Thema gegeben. Die Kosten des Klimawandels werden höher sein als die Kosten von Klimaschutzmaßnahmen – hatten mein Team und ich damals schon für Deutschland errechnet; 800 Milliarden Euro werde uns der ungebremste Klimawandel bis 2050 kosten; schon die nächste Generation werde die Folgen der Erderwärmung zu spüren bekommen.

2022 sind wir soweit: Die nächste Generation ist erwachsen. Die Klimawandelfolgen nehmen dramatisch zu: 13 Milliarden kostete die Flut im Ahrtal, zig Milliarden die Waldbrände in ganz Deutschland. Und jetzt kommen die Folgen von Russlands fossilem Krieg. Die explodierenden Preise für die fossile Energie kosten uns – für die ersten beiden Entlastungspakete – mind. 100 Milliarden Euro. Und kosten uns jetzt nochmals 200 Milliarden für den „Doppel-Wumms“. Ein absurd niedlicher Begriff für die brutale Wirklichkeit, die er bezeichnet. 300 Milliarden in einem einzigen Jahr! Und da sind die Kosten für die gesamte zerstörte Natur, für die vernichtete Artenvielfalt, die zunehmenden Klimawandel- und Naturzerstörungen noch gar nicht eingerechnet. Das ist die Quittung für all die Ignoranz der letzten Jahre und Jahrzehnte! Die bei der Haselmaus beginnt und selbst jetzt nicht aufhört. [langer Applaus]

Wieder greifen die populistischen Narrative der fossilen Welt, wieder diskutieren wir nur über fossile Lösungen für fossile Probleme: langfristige Lieferverträge mit den nächsten Autokraten, LNG-Terminals, Fracking in Niedersachsen und obendrein über die Wiederbelebung von längst ad acta gelegter, überteuerter, gefährlicher und überflüssiger Atomenergie. [langer Applaus]

In diesen Zeiten, meine sehr geehrten Damen und Herren, in denen Populismus, Desinformation und Fakenews solche Bedeutungshoheit über unsere Wirklichkeit haben, in solchen Zeiten mit diesem bedeutenden Preis des BUND Naturschutz in Bayern ausgezeichnet zu werden, freut mich riesig, freut mich sehr. Vielen vielen Dank. Denn es zeigt, dass im Engagement für Natur, Klima und Demokratie zwei starke Kräfte – nämlich Zivilgesellschaft und Wissenschaft – eng zusammenstehen. Dafür bin ich zutiefst dankbar. Denn es stärkt meinen Optimismus, dass wir diese letzte Chance für die Energiewende und für Frieden noch ergreifen. Ganz herzlichen Dank![langer Applaus im Stehen]


Einmal jährlich bringt die Kreisgruppe die BNachrichten in gedruckter Form heraus. Es geht dabei vor allem darum, die Mitglieder über die Kreisgruppenarbeit zu informieren, die nicht digital erreichbar sind.

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